Astronomische Arbeitsgemeinschaft Mainz e. V.

Vornehmlich zwischen den Bahnen von Mars und Jupiter bewegen sich eine große Zahl von Kleinplaneten (für einführende Artikel siehe Views of the Solar System oder The Nine Planets). [Der "Sloan Digital Sky Survey" schätzt die Zahl der Asteroiden mit einem Durchmesser grösser als 1 km im Hauptgürtel auf 580000 (astro-ph/0105511)]. Ständig werden neue entdeckt (zumindest einmal beobachtet wurden bereits über 100000). Sobald die Bahnen hinreichend vermessen sind, werden diese Kleinplaneten chronologisch fortlaufend nummeriert (die aktuelle Zählung (November 2002) ist bei etwa 50000 angekommen) und der Entdecker darf einen Namen vorschlagen.

"Mainzer" Kleinplaneten

Nr.NameEntdeckungstag,
-ort
EntdeckerAnmerkungen
766 Moguntia 29.09.1913, Heidelberg Franz Kaiser Der Entdecker, selbst Wiesbadener (ja, das muss an dieser Stelle offen gesagt werden!), gab diesem Kleinplaneten den lateinischen Namen der Nachbarstadt Mainz, an deren Universität er drei Jahre Astronomie lehrte.
777 Gutemberga24.01.1914, HeidelbergFranz Kaiser Der große Sohn von Mainz, Johannes (Gensfleisch zur Laden zum) Gutenberg, hat den Buchdruck mit beweglichen Lettern erfunden.
2981 Chagall 2.3.1981, Siding Spring (Australien)S.J. Bus Der bekannte Künstler (und Mainzer Ehrenbürger) Marc Chagall (1887 - 1985) schuf u.a. die berühmten Kirchenfenster mit biblischen Motiven in der Kirche St. Stephan in Mainz.
3132Landgraf 29.11.1940, Turku (Finnland)Liisi Oterma Der aus Mainz stammende Astronom Werner Landgraf (zeitweise Mitglied der AAG) hat in La Silla, Chile, 6 Asteroiden entdeckt, darunter den Kleinplaneten (3683)Baumann.
3183 FranzKaiser 2.8.1949, HeidelbergK. Reinmuth Der Wiesbadener Astronom Dr. Franz Kaiser entdeckte 21 Kleinplaneten (darunter (766)Moguntia und (777)Gutemberga). 1925 gründete er die Astronomische Gesellschaft „URANIA“ in Wiesbaden.
3683 Baumann 23.06.1987, ESO, La Silla (Chile)Werner Landgraf Paul Baumann war der Gründer der Astronomischen Arbeitsgemeinschaft Mainz e.V.
5149Leibniz 24.9.1960, Palomar (USA)C.J. van Houten, I. van Houten-Groeneveld, T. Gehrels Der Universalgelehrte Gottfried Wilhelm Leibniz (1646 -1716) war 1667 - 1674 Revisionsrat in Kurmainzer Diensten. 1949 wurde die Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz im Geiste Leibniz gegründet.
5535 Annefrank 23.3.1942, HeidelbergK. Reinmuth Im Turm der Anne-Frank-Schule befinden sich die VHS-Sternwarte Mainz und die Paul-Baumann-Bibliothek der AAG Mainz.
5665
5762
6080
6080
6112
6224
Begemann
Wanke
Lugmair
Ludolfschultz
El Goresy
30.1.1982, Palomar
2.3.1981, Siding Spring
2.3.1981
28.2.1981
1.3.1981
S.J. Bus Detaillierte Kenntnisse über die Zusammensetzung der Planeten und Asteroiden liessen sich bisher nur über die chemisch/physikalische Analyse von Meteoriten als auf die Erde eingeschlagenen Bruchstücken von Kleinplaneten gewinnen. Wesentliche Beiträge wurden und werden in internationaler Kollaboration am Mainzer Max-Planck-Institut für Chemie erarbeitet. Nun kann die chemische Zusammensetzung des Marses vor Ort mit dem in Mainz entwickelten APX-Spektrometer untersucht werden, das auf drei NASA Mars-Rovern im Einsatz ist/war. Zur Anerkennung der Mainzer Beiträge zur Kosmochemie benannte die Meteoritical Society einige Asteroiden nach Forschern des MPI für Chemie. (Erwähnenswert ist die Meteoritensammlung des Instituts.)
6257Thorvaldsen 26.03.1971,
Palomar (USA)
C.J. van Houten, I. van Houten-Groeneveld, T. Gehrels Die Mainzer Gutenberg-Statue wurde nach einem Modell des Thorvaldsen-Schüers H.W. Bissen 1837 von Crozatier in Paris gegossen. Die Reliefs am Denkmal sind von dem dänischen Bildhauer Bertel Thorvaldsen (1768-1844) selbst entworfen worden.
8058 Zuckmayer 16.10.1977, Palomar (USA)C.J. van Houten, I. van Houten-Groeneveld Der in Nackenheim (Rheinhessen) geborene Dramatiker Carl Zuckmayer (1896 - 1977) besuchte bis 1914 das Humanistische Gymnasium in Mainz. Ebenso wie Marc Chagall und Fritz Strassmann verlieh ihm die Stadt Mainz die Ehrenbürgerwürde.
9679 Crutzen 24.09.1960, Palomar (USA)C.J. van Houten, I. van Houten-Groeneveld Prof. Paul J. Crutzen war bis zum Juli 2000 Direktor am Max-Planck-Institut für Chemie. Für seine Arbeiten zur Chemie der Atmosphäre wurde er 1995 zusammen mit (9680)Molina und (9681)Sherwoodrowland mit dem Nobelpreis für Chemie ausgezeichnet.
11508 Stolte 12.10.1990,
Tautenburg
L.D. Schmadel,
F. Börngen
Prof. Dieter Stolte war von 1982 bis 2002 Intendant des ZDF.
15346 Bonifatius 02.09.1994,
Tautenburg
F. Börngen St. Bonifatius (c.675-5.6.754), genannt Apostel der Deutschen, wurde 751 Erzbischof von Mainz.
19136 Strassmann 10.01.1989,
Tautenburg
F. Börngen Boppard 22.2.1902 - 22.4.1980 Mainz
Otto Hahn und Fritz Strassmann gelang im Dezember 1938 der Nachweis, dass Urankerne bei Bestrahlung mit Neutronen in zwei Bruchstücke spalten können. Die Tradition des Berliner Kaiser-Wilhelm-Instituts für Chemie (an dem Hahn, Meitner und Strassmann lange Zeit wirkten) wird fortgeführt von dem in Mainz neu gegründeten Max-Planck-Institut für Chemie, das nach Otto Hahn benannt wurde. Der Aufbau des neuen Instituts begann 1946 unter Leitung von Fritz Strassmann. Als Professor an der Universität gründete er die Institute für Inorganische Chemie und später für Kernchemie. Die Stadt Mainz verlieh ihm die Ehrenbürgerwürde. Präsident Johnson ehrte 1966 Meitner, Hahn und Strassmann als erste Nichtamerikaner mit dem Enrico-Fermi-Preis.
73700 von Kues 05.10.1991,
Tautenburg
F. Börngen, L. Schmadel Beziehungen des Kardinals Nikolaus von Kues (Cusanus) zu Mainz sind nicht zweifelsfrei nachzuweisen. Der Jurist Gregor Heimburg rühmte sich 1461, Cusanus habe den Beruf des Rechtsanwalts aufgegeben und sich der Theologie zugewandt, nachdem er in Mainz bei einem Erbschaftsstreit ihm unterlegen sei. Heimburg war von 1430 bis 1434 in Kurmainzer Diensten. Allerdings gibt es keine unabhängige Quelle zur Behauptung Heimburgs und auch keine weiteren Hinweise auf einen Aufenthalt Cusanus in Mainz.

Zum Vollmond am 9. März 2001 hat die IAU zwei neue Kleinplanetennamen bekanntgegeben:

Nr.    Name    Entdeckungs-tag, -ort     Entdecker
19126     Ottohahn     22.08.1987, Tautenburg    F. Börngen
19136     Strassmann     10.01.1989, Tautenburg    F. Börngen

Die Idee zur Namensgebung kam dem Entdecker, Herrn Dr. Börngen, Mitte Januar im Anschluss an einen Seminarvortrag über Kleinplaneten im Institut für Kernchemie, Mainz, das von Prof. Strassmann gegründet wurde. Mehrere Sternfreunde waren (erfreulicherweise) an diesem Abend anwesend und werden sich sicher noch lebhaft erinnern.
Siehe auch (4765)Wasserburg und (6999)Meitner in Erweiterte Liste von Asteroiden

Unserem Mitglied Otmar Nickel ist in seiner Privat-Sternwarte eine erste Bestimmung der Rotationsperiode des "Mainzer" Asteroiden Gutemberga gelungen. Seine Lichtkurven sind gut mit einer Rotationsperiode von 12h 53m vereinbar (siehe "Wie schnell dreht sich " Gutenberg im All" (777 Gutemberga)?" in Mitteilungen 40:4 (2001) 90 und Web-Seite).
Ende Mai 2001 kam der Aten-Doppelasteroid 1999KW4 nahe an die Erde heran. Angeregt u.a. von Hinweisen in unseren Astro-Mailinglisten gelangen unseren Sternfreunden Ulrich Rieth und Martin Goedecke Aufnahmen dieses "Schnellläufers" in Mainz bzw. Stuttgart.
Einen Augenzeugenbericht von seinem Mainzer Balkon aus gibt Sternfreund F.W. Gerber in den Mitteilungen: "1999KW4 oder die dritte Begegnung der besonderen Art" Mitteilungen 40:4 (2001) 102. Darin beschreibt er auch die Besonderheiten der Bahn und die zukünftigen besten Beobachtungszeitpunkte.
In der Nacht vom 10. auf 11. Februar 2001 gelang unserem Sternfreund Martin Goedecke in der Stuttgarter Sternwarte eine Serie von Aufnahmen des "Mainzer" Kleinplaneten (777)Gutemberga.
Am 22.12.2000 flog der etwa 50 m große Asteroid 2000YA in etwa 800000 km Abstand an der Erde vorbei (siehe, z.B. BBC). Am 20. und 21.12. gelang es unserem Mitglied Otmar Nickel, das lichtschwache und sich schnell bewegende Objekt zu beobachten (siehe, Otmar Nickels Web-Seite).
Unserem Sternfreund Otmar Nickel gelang am 31.10.1999 eine Serie von Aufnahmen des Kleinplaneten (777) Gutemberga. Weitere Aufnahmen wurden am 29.11.1999 von G. Lehmann in Drebach im Erzgebirge gemacht. (siehe M. Goedeckes Gutemberga-Seite )

Und obwohl gerade in letzter Zeit große Fortschritte bei der Erforschung dieser Himmelskörper gemacht wurden, ist von fast allen außer den Bahndaten nichts bekannt. Insbesondere wurde leider nicht einer der "Mainzer" Kleinplaneten näher untersucht. Anfang November 2002 konnten bei einem Vorbeiflug der "Stardust"-Sonde am Asteroiden (5535) Annefrank wenigstens einige Fotos recht geringer Auflösung gemacht werden. Nur von vieren habe ich bei der IAU Angaben über die Rotationsperioden finden können: (323)Brucia 9,46 h, (340) Eduarda 7,7 h, (746)Marlu 7,787 h und (766)Moguntia 3,446 h.

Hinweise auf die Durchmesser fallen bei der Beobachtung von Sternbedeckungen an, in letzter Zeit konnten mehrmals "Mainzer" Asteroiden untersucht werden. Und dies ist ein Gebiet, auf dem Amateurastronomen hervorragende Arbeiten beitragen, wie die Homepage der IOTA - The International Occultation Timing Association belegt. [Eine Einführung gibt M. Federspiel in Sternbedeckungen durch Kleinplaneten - eine lohnende Aufgabe für Amteure.]
(Am 2.2.1997 wurde z.B. eine streifende Bedeckung des Sterns ZC 2271 durch den Mond von Mitgliedern der AAG Mainz und der Urania Wiesbaden vermessen. Auch während der totalen Mond-Finsternis am 9.01.2001 wurden in allen von der AAG betreuten Sternwarten Beobachtungen einer streifenden Bedeckung versucht. Erste Ergebnisse von zwei Beobachtern in Dhaun finden sich in den Mitteilungen 40:3 (Mai/Juni 2001) 58-61.)

Am 17.09.2002 beteiligten sich Mitglieder an einer weiträumigen Beobachtung der Bedeckung des Sterns 43Tau [alias BD+19°672, HD26162, SAO93785] durch den Kleinplaneten (345)Tercidina. Dank der großen Zahl von Beobachtern konnte die leicht ellipsoide Gestalt des 99 auf 93 km messenden Asteroiden gefunden werden.

Im folgenden eine Zusammenstellung von Kleinplaneten, die mit Mainz und Gutenberg in Zusammenhang stehen (Die Web-Master sind über Hinweise aus der Leserschaft erfreut).
Link zu einer erweiterten Liste von Asteroiden, die mit Mainz und Umgebung mehr oder weniger lose verbunden sind.
Die Daten sind vom Minor Planet Center , während die Anmerkungen von diversen Web-Mastern zusammengestellt wurden und offen für Diskussionen sind (E-Mail-Adresse siehe unten).

Das Jet Propulsion Laboratory der NASA unterhält Web-Seiten mit Java Applets der aktuellen Positionen der Asteroiden, die auch eine Kurzzeit-Extrapolation gestatten:

http://ssd.jpl.nasa.gov/sbdb.cgi?sstr=Moguntia;orb=1

z.Bsp. (766)Moguntia

 

Eine detaillierte Auflistung der Begleitumstände der Entdeckung aller Kleinplaneten findet sich bei dem Minor Planet Center der International Astronomical Union.

Eine Zusammenstellung der Namensgebungen gibt das im Springer-Verlag erscheinende Buch Dictionary of Minor Planet Names von L.D. Schmadel. Dank Spenden der Mitglieder verfügt die AAG jetzt über eine CDROM mit dem vollsuchbaren Katalog der Vierten Auflage.

Neue Namensgebungen werden in den monatlich (jeweils zum Vollmond) erscheinenden Minor Planet Circulars veröffentlicht. Als Beispiel seien der Auszug zu dem Kleinplaneten (3683) Baumann zitiert:

  Excerpt from Minor Planet Circular 12 459

  =========================================

  M.P.C. 12459     1987 Nov. 5 

  New names of minor planets.

  (3683) Baumann = 1987 MA

  Discovered 1987 June 23 by W. Landgraf at the European Southern Observatory.

  Named in honour of Paul Baumann (1901-1976) and his wife Helene

  (1899-1986). An amateur astronomer since 1959, Baumann founded the

  astronomical association (1961) and public observatory (1962) in Mainz,

  was involved in the establishment of several other associations in

  this area and was well known throughout Germany and in many other countries.

  Baumann was also a member of the first parliament of Rheinland-Pfalz

  (1947-1951) and for a long time a member of the Mainz city council.

  The Baumann family were good friends of the father of the discoverer for

  several decades.