Astronomische Arbeitsgemeinschaft Mainz e. V.

Der Meteorit von Mainz

Aus "Meteorite - Urmaterie des Sonnensystems", H.Palme, L.Schultz, F. Wlotzka, M. Kern. 2. überarbeitete und erweiterte Auflage. Herausgeber: Max.Planck-Institut für Chemie (Abt. Kosmochemie), Mainz, 1987, p. 46 ff.


Im Jahre 1852 wurde "auf einer Anhöhe oberhalb von Mainz" ein Steinmeteorit gefunden. Heute ist diese Fundstelle schon ein Teil der Innenstadt von Mainz. Vom ursprünglichen Fundgewicht von 1,8 kg sind heute noch mindestens 835 g erhalten.Typisch für die in früheren Jahren erfolgte Aufteilung dieses wertvollen Materials ist die Liste der Sammlungen, auf die der Meteorit von Mainz verteilt ist:

201 g   Kalkutta, Museum of Geological Survey of India
119 g   Wien, Naturhistorisches Museum
114 g   New York, American Museum of Natural History
79,5 g  Straßburg, Universität
55 g    Tübingen, Universität
45 g    Bei einem privaten Sammler
41 g    Chicago, Field Museum of Natural History
40 g    Göttingen, Universität
34 g    London, British Museum
25 g    Bonn, Mineralogisches Institut
25 g    Budapest
21 g    Prag, Nationalmuseum
16 g    Rom, Vatikanische Sammlung
5 g     Cambridge, Mass., Harvard University
5 g     Mainz, MPI für Chemie
3 g     Tempe, Arizona State University
3 g     Berlin, Humboldt-Universität
2 g     Greifswald, Universität

Abb. 20. Erste Untersuchung des bei Mainz gefundenen Meteoriten im 12. Heft der "Jahrbücher des Vereins für Naturkunde im Herzogtum Nassau" 1857.

Es mag auf den ersten Blick seltsam erscheinen, daß das größte noch erhaltene Stück des Mainzer Meteoriten in einem Museum in Kalkutta aufbewahrt wird. Eine Erklärung ist jedoch nicht schwer zu finden. Der Gießener Geologieprofessor A. v. Klipstein war Mitte des letzten Jahrhunderts im Mainzer Becken mit geologischen und paläontologischen Untersuchungen beschäftigt. Er besaß eine größere Fossilien- und Gesteinssammlung. Während seiner Arbeiten im Mainzer Becken dürfte er ein Stück für seine Sammlung erworben haben. In den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts verkaufte der bereits emeritierte Professor von Klipstein seine Sammlung an die englische Regierung. Ein Teil der Sammlung gehört heute zu den Beständen des British Museum in London. Der größte Teil der Sammlung Klipstein wurde jedoch dem damals neu errichteten Museum des Geological Survey in Kalkutta überlassen. Darunter befand sich vermutlich ein Stück des Meteoriten von Mainz. Die Sammlung sollte 1867 mit einem Schiff nach Indien gebracht werden. Aufgrund von Berichten vom Untergang des Schiffes hielten die Fachgelehrten die Klipstein'sche Sammlung für verloren. Erst vor wenigen Jahren stellte sich heraus, daß im Museum von Kalkutta tatsächlich große Teile der Sammlung Klipstein vorhanden sind. Die Meldungen von einem Verlust des Schiffes waren ganz offensichtlich falsch. Und so liegt heute das größte noch erhaltene Stück des Meteoriten von Mainz im Museum des Geological Survey of India (Geologisches Landesamt von Indien) in Kalkutta.

Abb. 21. Anschliff des Meteoriten Mainz im Auflicht. Die weißen Flächen sind metallisches Eisen, der graue Rand ist durch Verwitterung entstandener Rost. Die anderen dunklen Flächen sind Silikate. Vergrößerung 160fach.

Leider ist der Meteorit von Mainz kein besonderer Meteorit. Er gehört zu den L-Chondriten, dem häufigsten Typ von Meteoriten. Zudem ist er ein Fund (kein beobachteter Fall), und er ist durch ein langes Liegen im Erdreich schon stark verwittert. Trotzdem kann man an einigen Stellen noch sehr gut metallisches Eisen erkennen. Das bedeutet, daß die Verwitterung noch nicht so weit fortgeschritten ist, daß das gesamte metallische Eisen zu Rost umgewandelt worden ist (Abb. 21).
Ferdinand Seelheim hat 1857 eine chemische Analyse des Meteoriten durchgeführt. Am Max-Planck-Institut für Chemie in Mainz wurde 1983 eine ähnliche Untersuchung, allerdings mit moderneren Methoden, durchgeführt. In der folgenden Tabelle sind die Ergebnisse beider Analysen für die Gehalte einiger Elemente verglichen.

Chemische Analyse des Meteoriten von Mainz

18571983
Eisen20,5%20,8%
Magnesium9,12%14,77%
Aluminium7,14%1,15%
Kalium1,0%0,08%

Am Max-Planck-Institut für Chemie wurden außerdem die Konzentrationen von Edelgasen im Meteoriten von Mainz bestimmt. Da ein Teil der im Meteoriten vorhandenen Kalium-40-Atome mit einer Halbwertszeit von 1,25 Milliarden Jahren in ein Argonisotop zerfällt, kann man aus der Menge dieses Argonisotops und der Menge von Kalium das Bildungsalter des Meteoriten ausrechnen. Für den Meteoriten von Mainz ergibt sich dabei ein Alter von 4,45 Milliarden Jahren. Der Meteorit hat also seit seiner Entstehung vor etwa 4,5 Milliarden Jahren kein oder nur wenig Argon verloren. Da Edelgase chemisch nicht gebunden sind, werden sie schon bei geringer Erhitzung des Meteoriten verlorengehen. Es kann also der Meteorit seit seiner Entstehung vor 4,6 Milliarden Jahren niemals, auch nicht im Inneren eines größeren Mutterkörpers, eine Temperatur von mehr als 500 Grad C erfahren haben.
Ein Teil der Edelgase Helium, Neon und Argon wird durch die Einwirkung der Höhenstrahlung erzeugt. Man kann aus der Menge dieser Edelgase auf die Dauer der Einwirkung der Höhenstrahlung schließen. Für den Meteoriten von Mainz ergibt sich daraus ein Bestrahlungsalter von 50 Millionen Jahren, d.h. der Meteorit war für diese Zeit als relativ kleiner Körper im Weltraum. Dieser Wert ist für einen Steinmeteoriten sehr hoch. Eine genauere Analyse der Edelgasgehalte zeigt außerdem, daß das aufgefundene Meteoritenstück Teil eines wesentlich größeren Meteoriten gewesen sein muß. Es ist durchaus wahrscheinlich, daß größere Teile des Meteoriten von Mainz immer noch im Mainzer Boden, "zwischen Gautor und Münstertor", verborgen liegen.