Astronomische Arbeitsgemeinschaft Mainz e. V.

Newsletter Mai 2014: Der erste Sternenhimmel in der Malerei

Adam_Elsheimer - Die Flucht nach Ägypten (1609) (Klicken zum Vergrößern)

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Der erste Sternenhimmel in der Malerei

von Jan-David Förster

Es ist eine laue Sommernacht. Der tiefstehende Vollmond taucht die Umgebung in ein fahles graues Licht. Ein Mensch ist vom Sternenhimmel über sich fasziniert. Er richtet sein neues High-Tech-Instrument gen Himmel, kritisch beäugt und belächelt von neugierigen, vielleicht neidischen Zuschauern. Doch von ihnen lässt er sich nicht beirren. Er blickt durch das lange Rohr, in dessen Enden jeweils eine Glaslinse eingelassen ist und sieht damit erstmals die zerklüftete Oberfläche des Mondes und bemerkt, dass sich das Band der Milchstraße in viele Einzelsterne auflöst.

Man könnte meinen, wir erleben hier die ersten Schritte eines Hobbyastronomen. Tatsächlich befinden wir uns im Jahr 1609 in der Nähe von Rom und es handelt sich um den Maler Adam Elsheimer, der später seine Eindrücke in seinem letzten Werk „Flucht nach Ägypten“ mit äußerster Akribie festhielt und damit die erste naturnahe und eine der schönsten malerischen Darstellungen des nächtlichen Himmels schuf. Das Gemälde wurde vielfach kopiert, aber das Original in seiner Qualität nie erreicht.

Um die 1200 Einzelsterne mit Ölfarbe auf eine nur 31x41 cm kleine Kupfertafel  zu malen, benötigte Elsheimer eine Lupe. Im ersten Moment wirkt der prachtvolle Sternenhimmel natürlich und die statistische Verteilung der Sterne am Himmel ist plausibel. Die Milchstraße, die sich bei Elsheimer stark vereinfacht und eigentlich viel zu dünn als Band über den Himmel zieht, besteht aus vielen Einzelsternen. Ohne optische Hilfsmittel sind diese nicht erkennbar. Nachgewiesen ist, dass Elsheimer 1609 in Rom war und dort Kontakt zur Accademia dei Lincei hatte, mit dessen Gründer Federico Cesi ihn eine Freundschaft verband. Neben Galileo Galilei besaß Cesi zur selben Zeit auch eines der ersten Teleskope. Möglicherweise betrachtete Elsheimer durch Cesis Teleskop den Sternenhimmel und dokumentierte seine Beobachtungen. Mit der Erfindung des Teleskops im selben Jahr begann das Zeitalter astronomischer Entdeckungen. 1610 publizierte Galileo Galilei sein Siderus Nuncius und stieß damit weitere astronomische Forschungen an, die letztlich zur grundlegenden Veränderung des damaligen Weltbildes führten. (Wir berichteten im Februar)

Bemüht man sich um eine genaue Datierung des Sternenhimmels bei Elsheimer, sucht man vergeblich nach Planeten im Bild, die eine solche Bestimmung zuließen. Einzige brauchbare Anhaltspunkte sind der Neigungswinkel der Milchstraße, sowie die Höhe und Position des Vollmonds. Dr. Christian Sicka und Gerhard Hartl vom Deutschen Museum fanden hierbei eine gute Übereinstimmung mit dem Abend des 16. Juni 1609, was auch mit der Signatur des Bildes „1609“ in Einklang steht [1].

Sternkonstellationen bei Elsheimer und am echten Himmel (simuliert mit Stellarium) (Klick = groß)

Ein Hobbyastronom versucht sofort bekannte Muster in Elsheimers Sternkonstellationen zu entdecken und stößt dabei auf erste Schwierigkeiten. Eigentlich sind nur zwei Sternkonstellationen erkennbar, der Große Wagen und das Sternbild Delfin. Die Positionen und Winkel stimmen im Vergleich mit dem echten Himmel jedoch nicht überein und auch die Proportionen sind eher zufällig gewählt. Andererseits passen die Sternhelligkeiten erstaunlich gut. Elsheimer nutzte wohl mehrere Beobachtungsnächte und komponierte aus seinen Beobachtungen den Sternenhimmel dann neu. Ihm ging es in seinem Gemälde nicht um eine Kopie des Sternenhimmels, sondern um das Einfangen der Naturstimmung. 

Versuch der Zuordnung von Oberflächenstrukturen des Mondes (AAG 2014) Der Mond steht Kopf. Dennoch ist dies kein Beweis für die Nutzung eines Fernrohres.

Betrachtet man den Mond in Elsheimers Gemälde, so fallen Oberflächendetails auf, die ganz bewusst gesetzt wurden. Im Vergleich mit einer Mondkarte lassen sich tatsächlich Strukturen zuordnen, die teilweise schon mit bloßem Auge zu erkennen sind. Berücksichtigt man, dass Elsheimer seine Eindrücke wohl aus dem Gedächtnis, möglicherweise unter Zuhilfenahme grober Skizzen später im Atelier malte, sind die großen Übereinstimmungen umso beeindruckender. Einzelne Krater sind ohne optisches Hilfsmittel auf dem Mond nicht auszumachen. Falls Elsheimer Mondkrater bewusst malte, denn dieser Verdacht drängt sich beim hohen Detailreichtum im gesamten Gemälde auf, ist dies ein weiteres Indiz für eine Beobachtung mit dem Teleskop. Elsheimers Mond steht außerdem auf dem Kopf. Beim Blick durch ein umkehrendes Fernrohr hätte man den gleichen Eindruck. Das umkehrende Fernrohr wurde jedoch erst 1611 von Johannes Kepler erfunden, konnte Elsheimer 1609 also nicht zur Verfügung gestanden haben. Wahrscheinlicher ist, dass Elsheimer nicht den untergehenden, sondern den aufgehenden Vollmond sah und ihn nachträglich in die Abendsituation, die durch die Entzündung des Lagerfeuers am linken unteren Bildrand eindeutig festgelegt ist, eingefügt hat. Die Tatsache, dass die dargestellte Sternenpracht bei der leichten Bewölkung durch die Streuung des hellen Vollmondlichtes wahrscheinlich nicht zu sehen war, unterstreicht nochmals den Kompositionscharakter des Bildes.

Von Adam Elsheimer, dem Begründer der naturalistischen Landschaftsmalerei, dessen Vorfahren aus dem Rheinhessischen Dorf Elsheim stammen, sind nur 30 Gemälde bekannt, allesamt sind sie jedoch von hoher Qualität. Die im heutigen Stadecken-Elsheim aktive Adam-Elsheimer-Initiative hat sich zum Ziel gesetzt, die Erinnerung an das Werk des in Deutschland zu Unrecht unbekannten Barockmalers lebendig zu halten. Für Kunstinteressierte empfehlen wir einen Besuch des Adam-Elsheimer-Weges, der erst kürzlich am 26.04.2014 vervollständigt wurde und nun an vier Stationen Werke des Malers auf Informationstafeln vorstellt. Die Stationen laden zum Verweilen ein und bieten einen fantastischen Blick ins Selztal.

Nach der Besichtigung des 3 km langen Teilabschnitts der Selztal-Terroir-Wanderroute (STR 2) kann man bei den ortsansässigen Winzern das visuell Erlebte auch noch geschmacklich beim Genuss der bekannten Terroirweine abrunden. Die Astronomische Arbeitsgemeinschaft Mainz e. V. ist derzeit in Gesprächen zur Planung einer neuen Sternwarte in Rheinhessen, die den Blick der Menschen für den Himmel weiten wird, so wie es Adam Elsheimer bereits zu Beginn des 17 Jhd. vorgelebt hat.

Verweis:

[1] Von neuen Sternen - Adam Elsheimers Flucht nach Ägypten. Hrsg. Reinhold Baumstark, Pinakothek-DuMont, München 2005. ISBN 978-3-8321-7583-2


Abb. 1, aus Wikipedia, Sternbild Giraffe

Sternbild des Monats: Giraffe

von Dr. Bernhard Schröck

Im  Altertum hatten die Sterne des heutigen Sternbilds keinen Namen.  Es gab zwar 48 („ptolemäische“) Sternbilder, aber große Räume zwischen diesen Sternbildern waren, da hellere Sterne fehlten, unbenannt. 

Mit der Ausbreitung der Teleskopnutzung  wurden diese „Lücken“ an Nordhimmel wie auch große Gebiete des Südhimmels mit neuen Sternbildern besetzt. Der niederländische  Theologe und Astronom Petrus Planckius (eigentlich Pieter Platevoet „Plattfuß“, 1552 bis 1622) erfand das Sternbild der Giraffe zwischen Cassiopeia, Perseus und Fuhrmann einerseits und Polarstern andererseits. Weitere von ihm eingeführte Sternbilder sind  „Taube“ , „Einhorn“ und das „Kreuz des Südens“. 

Der lateinische Name „Camelopardalis“ setzt sich aus den griechischen Wörtern „κάμηλος“ als Lehnwort aus dem hebräischen „Gamal“) und πάρδαλις ( „Leopardenweibchen“) zusammen und geht auf die Meinung mancher antiker Autoren, die Giraffe sei eine Kreuzung zwischen Kamel und Leopard, zurück.

Das Sternbild Giraffe (Abb. 1, aus Wikipedia, Sternbild Giraffe)  gehört bei uns zu den zirkumpolaren Sternbildern, d. h., es geht nie unter, ist also zu jeder Jahreszeit während der ganzen Nacht zu sehen.  Es erreicht seine obere Kulmination (Sternbild zwischen Polarstern und Zenit) im  Dezember, seine untere Kulmination (Sternbild zwischen Polarstern und Horizont) im Juni.  Mit seiner Ausdehnung von 757 Quadratgrad  steht es an 18. Stelle der Sternbilder und ist somit größer als Perseus, Kepheus und Cassiopeia, vom kleinen Bären ganz zu schweigen. Die hellsten Sterne sind α Cam mit 4,3 mag, CS Cam mit 4,2 mag (Doppelstern, Hauptkomponente veränderlich, Farben Weiß und orange) und β Cam mit 4,0 mag, ein Doppelstern mit einer gelben helleren Komponente und schwächeren weißen.  Außer diesen haben die meisten Sterne des Sternbildes  nur eine Größe von 5 bzw. 6 mag, sind also aus der Stadt heraus kaum oder gar nicht zu sehen.

Abb. 2, Aufsuchkarte
Abb. 3, Kemble 1

Ein weiterer Doppelstern ist Σ 1694 mit einer blauen und gelben Komponente (Abstand 21,4’’). Im Programm Stellarium finden Sie ihn unter der synonymen Katalogbezeichnung HIP (Hipparcos) 62561 recht nahe des Sternbildes „kleiner Bär“. Σ steht für den Entdecker Friedrich Georg Wilhelm Struve (1793 bis 1864), der auf den Sternwarten Dorpat (heute Tartu) und Pulkowo bei St. Petersburg einen Katalog von Doppel- und Mehrfachsternen erstellte.

An deep-sky-Objekten, die für Amateure zugänglich sind,  finden sich zwei:  zum einen NGC 2403,  eine sehr helle, schon mit dem Fernglas erkennbare Spiralgalaxie (Aufsuchkarte Abb. 2) und der offene Sternhaufen NGC 1502, auch „golden-harp-cluster“ genannt. Von diesem Haufen ausgehend, fällt der Asterismus „Kembles Kaskade“  (Kemble 1, Abb. 3) auf.  Diese Sternkonstellation wurde nach dem Franziskanerpater Lucian Kemble (1992 – 1999) genannt, der sie 1980 als erster beschrieb. Er entdeckte diese Sternenkaskade von etwa 20 Sternen mit einem 7 x 35 Fernglas, viele Autoren sagen aber, dass ein 10 x 50 Glas zum Beobachten besser sei. Es lohnt sich also, am Himmel einfach „spazieren zu sehen“, vielleicht finden Sie auch einmal eine interessante Anordnung von Sternen, die nach Ihnen benannt wird.

Abb. 4

Kemble1 ist relativ einfach zu finden: Verdoppelt man die Strecke Algol > Mirfak (= α Persei), stößt man auf die Mitte dieser Kaskade (Abb. 4).

Kemble2 ist im Sternbild Drache zu finden, südöstlich des Sternes χ Dra: eine Miniaturausgabe des „Himmels-W“, der Cassiopeia.

Literatur:

  • Burnham’s Celestial Handbook, Volume 1, Andromeda through Cetus
  • “In den Sternen; die 88 Konstellationen im Portrait”, Ulf von Rauchhaupt 
  •  “Atlas für Himmelsbobachter”, Erich Karkoschka
  • Fotografischer Sternatlas, Mellinger, Stoyan
  • Astronomie mit dem Fernglas, Alexander Kerste
  • Abb. 1 aus Wikipedia, Sternbild Giraffe
  • Abb.2, 3 und 4 aus Stellarium

Weitere Ereignisse und Veranstaltungen im Monat Mai:

2. Mai 2014 - 22:00 Uhr

Ort: Paul Baumann-Sternwarte

Beobachtungsabend 


9. Mai 2014 - 20:00 Uhr

Ort: Anne-Frank-Realschule Plus Mainz

Mitgliedertreff

für Mitglieder der AAG und Freunde der Astronomie  

 

11. Mai 2014 - 15:00 Uhr

Ort: Naturhistorisches Museum Mainz

Erdnahe Asteroiden - wie Amateurbeobachtungen zur Bahnbestimmung beitragen 

Vortrag von Dr. Otmar Nickel (AAG)

 

23. Mai 2014 - 22:00 Uhr

Ort: Paul Baumann-Sternwarte

Beobachtungsabend